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Die stillen Saboteure
Warum wir uns das Leben schwer machen

 

Seit vielen Jahren gebe ich eine Zeitschrift heraus, die vierteljährlich zum Quartalsbeginn erscheint. Und seit ebenso vielen Jahren kollidiert eben dieser Erscheinungsturnus häufig mit den Schulferien, weshalb so manche Ausgabe unter enormem Zeitdruck noch vor Ferienbeginn fertig gestellt werden musste.

Am schlimmsten war immer die Gestaltung der Januar-Ausgabe, die mitten in die Adventszeit fiel. Als allein erziehende Mutter damals noch kleiner Kinder, hatte ich Jahr für Jahr ein unendlich schlechtes Gewissen, dass es bei uns keine besinnliche Adventszeit gab und es nicht nach Plätzchen duftete, sondern im Gegenteil eine gestresste Mutter auch noch oft ungeduldig und ungerecht war.

Die Kinder litten sehr darunter und beschwerten sich, wie schön es bei ihren Freunden sei und wie ungemütlich und so gar nicht vorweihnachtlich bei uns. Dennoch kam ich nicht auf die eigentlich so nahe liegende Idee, einfach den Erscheinungsturnus einen Monat vorzuverlegen und damit allem Stress ein Ende zu bereiten.

Dazu war es offensichtlich nötig, dass ich an einem „Manifest Abundance Retreat“ – einem Fülle-Seminar – mit Brandon Bays teilnahm, um herauszufinden, was mich so denken, fühlen und handeln ließ, als müsse das Leben schwer sein.

Dabei war es keineswegs so, dass ich zu diesem Seminar wollte. ‚Viel zu teuer’ dachte ich und war darüber hinaus fest davon überzeugt, dass diese ganze ‚Manifestiererei’ überhaupt nichts bringt, nachdem ich jahrelang erfolglos meine Wünsche manifestiert und dieselbe Erfolglosigkeit auch bei vielen meiner Freunde beobachtet hatte.

Doch meine Freundin, die unbedingt wollte, dass ich sie zu diesem Retreat begleite, zeigte sich – worüber ich heute überglücklich bin – ungewöhnlich hartnäckig, so dass auch ich schließlich die Teilnahme am Abundance Retreat buchte.

Wie bei dem Journey-Intensiv-Wochenende gibt es auch auf dem Fülle-Seminar einen ‚Demonstrations-Prozess’. Eine Irin meldete sich und ging zu Brandon nach vorn auf die Bühne. Die ‚Reise’ der jungen Frau berührte uns alle sehr, denn sie zeigte deutlich, wie viel kindlicher Schmerz noch immer in ihr war, der sie nicht nur sehr belastete, sondern auch ihr Verhalten bis heute bestimmte. Seit jeher liebte sie ihren Vater über alles, doch der war, als sie noch ein kleines Mädchen war, beruflich sehr erfolgreich und selten zu Hause. Zwar brachte er immer tolle Geschenke mit, wenn er von Geschäftsreisen zurückkam, doch die wollte sie nicht. Sie wollte ihn, seine Zeit, seine Nähe, seine Liebe. Sie fühlte sich nicht beachtet und daher um viel, viel weniger wichtig, als das Geld, dessentwegen ihr Vater so viel unterwegs war. Ihr Schmerz war so groß, dass sie sich schwor, niemals viel Geld zu verdienen. – Dieser Schwur war ihre „Bestellung beim Universum“, die auch in Erfüllung ging.

So gut ich das auch nachvollziehen konnte, so war ich doch meilenweit davon entfernt anzunehmen, dass es einen ähnlichen Schwur auch in mir geben könnte. Selbstverständlich irrte ich mich gewaltig. Meine „Reise“ führte mich zurück in die Zeit, als ich jeden Sonntag zum Kindergottesdienst gehen musste. Unser Pfarrer war zwar ein lieber, aber auch sehr konservativer Mann, der uns ständig einbläute, bloß immer brav und artig zu sein, damit Gott Gefallen an uns finden könne.

Sätze wie „Kleine Sünden straft der liebe Gott sofort“ begleiteten mich in meiner Kindheit ... und vor allem eine furchtbare Angst vor Gottes Strafe. Denn aus meiner damaligen Sicht beging ich nicht nur kleine Sünden, sondern auch richtig große. Die schlimmste war, dass ich ab und zu den Kindergottesdienst schwänzte und mir von dem Geld für die Kollekte eine kleine Portion Pommes Frites kaufte.

Das alles hatte ich längst vergessen, erst während des Journey-Prozesses tauchten die Erinnerungen und dazugehörigen Gefühle nach und nach wieder auf. Die Angst vor Gottes Strafe war so immens, dass ich sie als Kind aus purem Selbsterhaltungstrieb verdrängen musste. Aber dadurch war sie nicht weg, sondern schwärte unbewusst in mir weiter und beeinflusste so mein ganzes Leben.

Ebenso unbewusst hatte ich eine Vermeidungsstrategie entwickelt, die mich vor Gottes Strafe schützen sollte: Ich bestrafte mich selbst! Meine innere Überzeugung lautete: „Wenn ich mich selbst in ausreichendem Maße bestrafe, dann brauchte ich Gottes Strafe nicht mehr zu fürchten.“

Ich leistete ganze Arbeit, denn rückblickend kann ich nun sehen, dass mein ganzes Leben eine einzige (unbewusst selbst erschaffene) Strafe war. Meine Chefs nutzten mich aus, meine Partner respektierten mich nicht und betrogen mich, fast immer hatte ich finanzielle Sorgen, krank wurde ich nur im Urlaub u.v.a.m.

Natürlich bin ich, während mir all das widerfuhr, nie auf die Idee gekommen, dass das etwas mit mir zu tun hatte. Stattdessen fühlte ich mich wie ein Opfer, das vom Leben ungerecht behandelt wurde.

Wesentlicher Bestandteil eines jeden Journey-Prozesses ist Verzeihen, wozu man sich an ein imaginäres Lagerfeuer begibt, das aus bedingungsloser Liebe besteht. Im Schein dieser Liebe, darf sich das verletzte Kind in uns endlich Gehör verschaffen und das aussprechen, was es damals verdrängen musste. – Diese Lagerfeuerprozesse sind unbeschreiblich, denn in diesen Momenten wird man förmlich zum Kind von damals, empfindet und spricht wie es.

Ich, bzw. die Kleine in mir, saß mit Gott am Lagerfeuer, und während ich zaghaft begann, ihn dafür zu „beschuldigen“, dass ich immer so viel Angst vor ihm hatte, gesellte sich plötzlich Wut dazu. Eine extreme Wut! Ich fühlte mich verraten, weil ich so vertrauensvoll in diese Welt gekommen und so enttäuscht worden war ... und spürte überdeutlich, dass ich immer nur zurück wollte dorthin, wo ich herkam – nach Hause. Genau diesem „Zuhause“ begegnen wir in den Journey-Prozessen ebenfalls – eine „Begegnung“, die in Worten nicht zu beschreiben ist. Dieses Gefühl vollkommenen Friedens und das Erkennen unseres wahren Wesens, das unberührt von allen Problemen und Sorgen ist, das muss man selbst erfahren. Es ist dieses Erkennen, das bedingungsloses Verzeihen möglich macht, ein Verzeihen, das aus ratio-naler Sicht noch nicht einmal ansatzweise möglich ist.

Aus rationaler Sicht wird Verzeihen oft mit Kapitulieren gleichgesetzt, aber das genaue Gegenteil ist der Fall. Denn wenn wir nicht verzeihen, binden wir uns in unserer Wut und unseren Vorwürfen an die, gegen die wir sie hegen. Können wir dagegen verzeihen, sind wir augenblicklich frei.

Ich habe schon viele Journeys – und daher auch viele Lagerfeuerprozesse – erlebt, aber am Lagerfeuer mit Gott zu sitzen, vor dem ich mein Leben lang Angst hatte, das war eine einzigartige Erfahrung.

Gott zu beschimpfen, ihn gar als Arschloch zu titulieren und ihm alles „an den Kopf werfen“ zu dürfen, was mein Leben lang subtil in mir gebrodelt hatte, das war eine Befreiung sondergleichen. Aber noch befreiender war das Verzeihen und das daraus resultierende felsenfeste Wissen, dass alles schon immer perfekt gewesen war, auch wenn ich es nicht verstehen konnte.

Mithilfe der Journey können wir die Wurzeln all unserer Probleme ausgraben, und deren Symptome fallen von jetzt auf gleich weg, als hätte es sie nie gegeben.

Meine Symptome, die „Selbstbestrafung“ in vielfältigen Varianten hießen, gibt es nicht mehr. Stattdessen kann ich es mir nun gut ergehen lassen, jeden Tag genießen und meine monatlichen Einkünfte haben sich um weit mehr erhöht, als das Fülle-Seminar seinerzeit einmalig gekostet hat. Und schon jetzt freue ich mich auf den nächsten Dezember, den ich mit meinen Kindern so richtig genießen kann, da ich den Erscheinungstermin meiner Zeitschrift um einen Monat vorverlegt habe.

Natürlich „hakt“ es hie und da in manchen Bereichen immer noch, aber wenn ich das bemerke, dann ärgere ich mich nicht mehr oder fühle mich gar als Opfer, sondern bin gespannt darauf, was ich auf meiner nächsten „Reise“ entdecken darf.

Anke Schmitz

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